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"Coldplay vor 10.000 Zuschauern ist ein Ding der Unmöglichkeit" - Interview Teil 1

Datum : 17.07.20

FAZ.NET, 14.07.2020

"Coldplay vor 10.000 Zuschauern ist ein Ding der Unmöglichkeit"

In der Konzertbranche herrscht seit Corona Stillstand. Veranstalter und "Rock am Ring"-Begründer Marek Lieberberg spricht im Interview über die Nöte seiner Branche und mögliche erste Konzerte in diesem Jahr.

Von Peter Badenhop

Herr Lieberberg, wie haben Sie den Beginn der Corona-Krise erlebt?
Ich war zunächst in einer Art Schockstarre. Von einem Moment auf den anderen auf null herunterzufahren, das habe ich in den 50 Jahren, in denen ich in diesem Geschäft arbeite, noch nicht erlebt. Mein Problem war vor allem, dass dieser Stillstand in meinen Augen nicht richtig vermittelt wurde. Wir sind ja praktisch mit einem Berufsverbot belegt worden - ohne jede Perspektive. Jede Maßnahme, die von der Politik beschlossen wird, muss meiner Meinung nach auch in ihren Konsequenzen bedacht werden. An diesen Überlegungen hat es gefehlt. Die Livemusik und die unglaublich diverse Kultur, die wir repräsentieren, waren im Vergleich zu anderen Bereichen vollkommen isoliert. Wir sind einfach hinten runtergefallen.

Fühlen Sie sich alleingelassen?
Ja, die moderne Live-Kultur schien vergessen worden zu sein. Dagegen standen Wirtschaft und Handel sofort im Vordergrund, weil dort entsprechender Druck entfaltet wurde.

Woran liegt das?
Ich glaube, es hat ironischerweise auch damit zu tun, dass wir nicht laut genug waren. Wir sind ja eigentlich gewohnt, mit Lautstärke umzugehen, und normalerweise wird immer versucht, diese zu dämpfen. Aber in dieser Ausnahmesituation waren wir zu still. Zudem hat unser Teil der Kultur bei den meisten Politikern nicht den Stellenwert, der ihr eigentlich gebührt. Ich bin mein ganzes berufliches Leben lang immer wieder mit einer Art von Diskriminierung der U-Kultur gegenüber der E-Kultur konfrontiert worden. Es ist offenbar nicht hinreichend bekannt, dass unsere vielfältigen Beiträge die Mehrheit des Publikums anziehen, mehr als Theater und Oper. Ich würde eigentlich die gleiche Wertschätzung erwarten, zumal wir das präsentieren, was Millionen von Fans als ihre Kultur betrachten.

Das müsste doch auch in der Politik bekannt sein.
Frau Merkel besucht regelmäßig mit großer Geste die Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Ich kenne kein Bild von ihr, das sie bei einem Rockkonzert zeigt. Oder nehmen Sie Herrn Söder: Ich habe ihm Mitte Mai einen eindringlichen Brief geschrieben, auf die dramatische Lage unserer Branche aufmerksam gemacht und ein Foto beigelegt, das ihn im Kiss-T-Shirt zeigt, wie er in einem "Rock am Ring"- Bildband blättert. Bis heute habe ich keine Antwort bekommen.

Ist das Geringschätzung?
Es wird meiner Meinung nach allgemein nicht ausreichend gewürdigt, welche Rolle die Rock- und Popmusik auf wichtige gesellschaftliche Strömungen und Veränderungen hatte, von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung über die Achtundsechziger bis heute. Leider fehlt es an entscheidender Stelle am Bewusstsein dafür.


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