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"Coldplay vor 10.000 Zuschauern ist ein Ding der Unmöglichkeit" - Interview Teil 3

Datum : 17.07.20

insbesondere dafür sorgen, dass unsere Besucher die Regeln einhalten. Erinnern Sie sich an "Rock am Ring" im Juni 2017?
Damals mussten wir das Festival wegen einer Terrorwarnung abbrechen, und das Publikum hat das Gelände innerhalb von 15 Minuten ruhig und ohne Zwischenfälle verlassen. Das zeigt doch, dass wir sehr emanzipierte Fans haben. Und ich glaube, dass es angesichts der immensen Sehnsucht der Fans nach Livemusik eine große Bereitschaft gibt, sich an vernünftige und vermittelbare Vorgaben zu halten. Ich bin sicher, dass es auf unseren Konzerten keine Szenen geben wird, wie sie derzeit fast tagtäglich auf großen öffentlichen Plätzen zu beobachten sind.

Sind solche Vorkehrungen auch für kleinere Konzerte und Clubs vorstellbar?
Das ist schwer, aber auch hier sollte man über konstruktive Lösungen nachdenken. Ich möchte gerne zeigen, dass das bei einer gewissen Größenordnung geht - und von dieser Erfahrung sollen dann alle profitieren. Und ich würde mir wünschen, dass die Politik uns in dieser Hinsicht so wohlgesonnen ist wie der Lufthansa oder der Bahn. Bei unseren Konzerten wird es sicher besser aussehen als zu Stoßzeiten im öffentlichen Verkehr oder an Wochenenden auf zentralen Plätzen.

Sind Open-Air-Konzerte leichter vorstellbar als jene in einer Halle?
Das hängt von den Maßstäben ab, die angewandt werden. Aber die sind so unterschiedlich wie die Urteile der Virologen. Natürlich spielen Belüftungsfragen eine Rolle, manche Hallen müssen sicher nachgerüstet werden - das bleibt zu untersuchen. Aber wenn die Hamburger Elbphilharmonie jetzt mit einem Drittel der Kapazität wieder anfängt und die Festspiele in Salzburg mit 1000 von 2800 Besuchern, dann muss man doch bereit sein, auch bei uns in diese Richtung zu denken. Darum sage ich: Wir brauchen einen schrittweisen Wiedereinstieg, bei dem wir unsere Kapazitäten langsam hochfahren und entsprechend justieren.

Sind andere europäische Länder in dieser Beziehung weiter?
Ja, Dänemark, Norwegen und die Schweiz. Und in Österreich sind vom 1. September an 10.000 Besucher im Stadion und 5000 Zuschauer in einer Halle erlaubt. Warum nicht hier? Die Politik muss uns endlich die Hand reichen für einen Neuanfang. In Österreich gibt es bis ins Bundeskanzleramt hinein mehr Verständnis und Bereitschaft, auf uns einzugehen, als in Deutschland.

Nach Corona wird nichts so sein wie vor Corona - gilt dieser Satz auch für Sie und Ihre Branche?
Jedes Ereignis hat seine Wirkung und führt zu neuen Erkenntnissen. Es wird bei uns schon deshalb nicht wieder so sein wie vorher, weil die Live-Branche Jahre brauchen wird, um wieder in die Balance zu kommen.

Müssen wir uns auf steigende Ticketpreise einstellen?
Das glaube ich nicht. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise werden erheblich sein. Niemand kennt derzeit das Ausmaß. Sicher ist, dass das zur Verfügung stehende Einkommen geringer sein wird und deshalb sensibler mit Ticketpreisen umgegangen werden muss.

Werden die Besucher so unbekümmert und locker sein wie vor der Pandemie?
Ich glaube, wir werden viel Zeit brauchen, um das Leben wieder unbeschwerter genießen zu können. Corona entfaltet eine negative Strahlkraft, die uns lange belasten wird.


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Von Peter Badenhop
ET 14.7.2020 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.